Über mich

Eigen-Sinn & Sinnlichkeit: Unverkennbar „Glassiker“

POPGlass Seine Venus residiert in Disneyland und hat nicht nur ausgewachsene Rundungen, sondern eben solche Hasenohren, die sich fröhlich gegen den rauen Wind der Zeit stellen. Mit dem überlebensgroßen Digital Print „Artemis“ schickt er die griechische Jägerin auf Pirsch in die schöne neue Pixel-Welt. Seine futuristischen Landschaften explodieren von Farben und Formen, weisen eher ins All als in die Alpen und sind ganz bestimmt nicht von dieser Welt.: In der Kunst-Welt von Wolfgang Glass ist unser Zeit- und Raumkontinuum aufgehoben.

Die Versatzstücke, Klischees und Mythen unserer Wirklichkeiten nutzt er in seinem Parallel-Universum für neue, phantastische Szenarios. Im Mittelpunkt vieler Bilder: der Stoff, aus dem die klar strukturierten Träume von Fantasy-Romanen und Comics sind. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, Liebe und Hass, Leben und Tod wird bei Glass allerdings vielfach ironisch gebrochen, kommentiert, manchmal sogar karikiert. Übermalungen, Textmontagen, Kopien der Kopien machen Vertrautes fremd. Starke Heldinnen eilen auf Stöckelschuhen zur Rettung einer von Männern vergewaltigten Welt … und geraten dabei manchmal auch ins Straucheln.

Der Einfluss von Pop-Art und die Liebe zu Comics sind unverkennbarer Hintergrund serieller Elemente in dieser Kunst. „Comics“, sagt Glass, „wabern und wuchern nicht, sie sind völlig exakt. Wozu Literaten Seiten brauchen, das beschreiben gute Comiczeichner mit einem einzigen Bild. Sie übersetzen Geist in Körperlichkeit. Sie suchen nach neuen Ideen und setzen sie mit neuen Materialien um.“

In den Comics sind die starken Frauen seit geraumer Zeit auf dem Vormarsch, bei Glass sind sie längst am Ziel angekommen: Weibliche Formen dominieren auf seinen Bildern. „Für mich“, stellt er fest, „sind sie Zeichen der Ästhetik und Sinnlichkeit, Offenheit und Entwicklung, der Flexibilität und Eigenwilligkeit in unserer Kultur und Umwelt. Und der Hoffnung auf eine befriedete und befreite Welt.“

Aus dem Spannungsfeld zwischen Umwelt und eigenen Gefühlen („Was ich liebe und mache, ist wie ein Tagebuch“) entstehen Bilder voller Spontaneität und Energie in intensiver Farbgebung. Oder auch Schwarz-Weiß–Skizzen, bei denen flüssiges Latex kopierte Klischees verfremdet. Die Linienführung ist oft nur angedeutet, mit ebenso sicherem wie schnellem Strich.

„Der Pinsel ist breiter geworden“
Glass arbeitet mit unterschiedlichsten Materialien, Farben, Formen und Formaten, verwendet dabei vielfach auch architektonische Elemente. Was sich in den letzten Jahren verändert hat, ist vor allem die Entwicklung von der graphischen Darstellung zur Malerei. „Ich bin malerischer geworden“, sagt er. „Dem Stift folgte mehr und mehr der breitere Pinsel. Und auf die blaue Phase eine Konzentration auf Farbtöne im Bereich von Orange, Gelb und Rot – mehr Licht, frei nach Goethe.“ Statt Graphik mehr Flächigkeit, die noch kräftiger, strahlender und lebendiger geworden ist.

Dennoch hat er die „Mixed Media“-Technik beibehalten, nutzt sowohl plastische Materialien als auch durch Computer verfremdete Fotos und andere Möglichkeiten der neuen Medien. Das gibt ihm die Chance, „Dinge, die ich in meiner Umgebung sehe und erfahre, schnell in Bildersprache umzusetzen.“

Oft entpuppen sich Abstraktionen, die von weitem ans Informel erinnern, beim näheren Hinsehen als Kompositionen, die, sparsamst angedeutet, höchst komplexe Geschichten erzählen können. Etwa „Raven“ (Acryl auf Leinwand), dessen rötlich-gelbe Farbexplosionen durch fließende dunkle Konturen konterkariert werden. Wie schützende – oder bedrohliche? – Schwingen breiten sie sich über die imaginäre Bildlandschaft aus.

Der Pinsel, als Schwert betrachtet
Biegsamkeit, Bewegung, Beherrschung und Kraft strömen aus diesen Bildern, als führe der Maler nicht den Pinsel, sondern das Schwert des Samurai. Kein Zufall: Glass, der sich seit Jahren in der japanischen Verteidigungskunst des Aikido übt, hält mehr von der Kraft der Selbstdisziplin als von Klagen, mehr von Tapferkeit als von Tränendrüsen, mehr von Lösungen als von Larmoyanz. Ganz allgemein – und erst recht in der Kunst.

Wenn der Samurai der Formen und Farben gegen den „flächendeckenden Stumpfsinn mancher Politiker“ und das „hirnlose Geschwafel vieler Museumsdiener“ ins Feld zieht, dann wird er – Humor hin oder her – zum Rebell. Und streitet gegen die „Onanie in der Kunstwelt, die Scharlatanerie vieler Ordensträger der Kunst-Aristokratie, die Banalität, Denkfaulheit, Einfallslosigkeit, Albernheit und bemühte Kindlichkeit gegenwärtiger Kunst“, in der – frei nach Glass – „die Ästhetik von Strichmännchen, kastrierten Reichsadlern oder entmenschlichter Sexualität als eindrucksvollstes Zeitzeichen gehandelt wird.“ – „Die Pisa-Studie für Künstlerinnen und Künstler steht meiner Meinung nach noch aus!“

Gegen diese „gesteuerten Trends“, dieses „Surrogat für Ideen“ setzt er die eigene Suche nach neuen Entwicklungen, die das „Prinzip Hoffnung“ in sich tragen: „Dieser Nachholbedarf, Tabus zu brechen, beeindruckt mich überhaupt nicht. Als freier Mensch habe ich keine. Ich denke nach vorn, in die Zukunft. An neue Forschungen und Strukturen auf unserem Planeten. Ans Weltall. An Utopien und daran, wie die Menschen werden müssten, um solche Utopien einzulösen. Denn die wenigsten Menschen gewinnen aus ihrem Wissen irgendeine Art von Erkenntnis.“

Und der frühere Schlagzeuger und Hard-Rocker zitiert aus einem alten Text der Gruppe „Novalis“ , der sein Lebensgefühl „optimal zusammenfasst“:
Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken, der wird im Mondschein, ungestört von Furcht, die Nacht entdecken. Der wird zur Pflanze, wenn er will, zum Tier, zum Narr, zum Weisen und kann in einer Stunde durchs ganze Weltall reisen.“

 

 

Test

Foto: ARmin Mueller-Stahl , Oberbürgermeister Dr Hans Georg Löffler und Frau.

 

Usch Kiausch, M.A., Publizistin, Neustadt/Weinstraße, im Sommer 2004

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